900 Millionen Menschen ohne Zugang zu Banken in nur einem Land

Von den rund 1,3 Milliarden Menschen in Indien verfügen nach Aussage des indischen Finanzministeriums gerade mal 30% über einen Zugang zu Banken.

Seit Anfang November hat Indiens Premierminister Narenda Modi faktisch über Nacht sämtliche großen Banknoten für ungültig erklärt. Im zweitgrößten Land der Erde hat er damit ein Finanzchaos ausgelöst, da die 500- und 1000 Rupienscheine mehr als 80% des Bargeldumlaufs ausmachen.

Was als Schlag gegen die Schwarzmarktwirtschaft und der Korruption gedacht war entpuppt sich als Supergau gegen die eigene Bevölkerung. Leidtragende sind vor allem die Armen, Bauern und Frauen.

300 Millionen Menschen verfügen nicht einmal über die notwendigen Papiere, die für einen Währungstausch notwendig sind. Besonders diese Randgruppen, die oft nicht lesen und schreiben können, trifft es hart.

Aber selbst das, was produziert wird, kommt nicht beim Verbraucher an. So berichtet Bloomberg, dass rund die Hälfte der insgesamt 9,3 Millionen beim All India Motor Transport Congress registrierten Lastwagen inzwischen nicht mehr fahren. Die Fahrer hätten sie einfach stehen lassen, weil schlicht das Geld u.a. für Benzin fehle. Man beachte, dass 65 Prozent aller Transporte in Indien – normalerweise – auf der Straße durchgeführt werden.

Dazu kommt, dass eine große Zahl an Frauen in der enorm sexistischen indischen Gesellschaft geheime Bargeldreserven aufgebaut haben dürften. „Die nimmt diese "Reform" schwer mit. Weil sie die Existenz ihrer Ersparnisse nicht preisgeben können, verlieren diese Frauen alles, was sie sich teilweise jahrelang beiseitegelegt haben“, schreibt Padmapriya Govindarajan für die Zeitung „The Diplomat“. Die Liste der gesellschaftlichen Randgruppen, die von Modis Reform direkt negativ getroffen sind, geht noch lang weiter: Zum Beispiel Prostituierte.

Indiens Wirtschaft basiert zu 90% auf Bargeld. Unternehmen können die Löhne nicht bezahlen. Menschen stehen tagelang vor Bankautomaten und versuchen verzweifelt "neues" Geld gegen "altes" einzutauschen. Oft vergebens, da der Nachschub nicht funktioniert oder die Automaten noch nicht umgerüstet sind. Während die indische Regierung die Währungsumstellung als „chirurgischen Schlag“ bezeichnet, wird allgemein von einem „Flächenbombardement“ gesprochen. Und - erste Todesfälle sind zu beklagen.

Die Reform trifft keineswegs in erster Linie die korrupte Elite, noch nicht einmal die Mittelschicht, die oft Zugang zu einem Bankkonto hat. „Die großen Player halten Schwarzgeld fast nie in bar. Sie kaufen Immobilien, Wertpapiere oder Gold (!). Und natürlich kaufen die goldverrückten Inder noch mehr Gold – wenn sie es bekommen können. Denn manchen Meldungen zufolge wird in Indien inzwischen ein Aufschlag von 50 bis 100 Prozent verlangt. Indien ist der zweitgrößte Importeur des gelben Metalls nach China. Die Regierung hat in der Vergangenheit mehrmals versucht, die Lust auf Gold zu dämpfen – zumal vermutet wird, dass rund ein Drittel der jährlich in Indien gekauften 1000 Tonnen Gold mit Schwarzgeld bezahlt wird.